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08 December 2008 @ 02:11 am
 
Titel: Der Weltverbesserer
Autor: Thomas Bernhard
Sprache: deutsch
Gattung: Drama
Genre: "Komödie"
Entstehungsjahr: 1979
Epoche: -?-

5 Szenen.

- Alle hauptsächlich ausgefüllt von dem Monolog des Weltverbesserers. Es ist nicht immer klar und vermutlich auch unwichtig, ob er zu seiner Frau spricht, die auch keinen Namen trägt und im ganzen Stück nie bei irgendeinem Namen genannt wird. Sie ist nur eine Frau irgendeine Frau, der Typ Frau, und halt die Frau des Weltverbesserers, wenn er sie auch nie geehelicht hat. Er ist herrisch, missmutig, egozentrisch, krank oder kränklich. Es ist der Tag an dem er die Ehrendoktorwürde erhalten soll. Ein dr. hc. also. Auf seinen Wunsch geschieht dies nicht auf der Universität sondern bei ihm zu Hause. Er schützt krankheitsbedingte Schwäche vor, es ist anzunehmen, dass seine Misanthropie und sein grenzenloser Eigensinn das ihre zu diesem Wunsch geführt haben.

Die ersten 4 Szenen werden bestritten von dem Weltverbesserer und seiner Frau, die er hin und her schickt. die hauptsächlich schweigt und tut was ihr befohlen wird, wenn auch nicht immer sofort. Langsam eröffnet sich dem Leser warum der Weltverbesserer, Weltverbesserer heißt - er hat ein Traktat geschrieben, indem steht, was getan werden müsste, um aus der Welt wie sie ist einen besseren Ort machen zu können. Keiner hat - so die Meinung des Weltverbesserers - dieses Traktat verstanden, nichtsdestoweniger hat es in der ganzen Welt aufsehen erregt, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und es ist auch der Auslöser für die Erhebung des Weltverbesserers zum Dr. hc. Die Frau läuft immer wieder zwischen Wohnzimmer und einem anderen Zimmer (nicht zum Bühnenraum gehörig) hin und her. Unentwegt monologisiert der Weltverbesserer. Komik entsteht durch den ständigen Bruch zwischen seinem ernsten Reden, seiner Misanthropie und seiner Verachtung und seinen plötzlich auftauchenden körperlichen Wehwehchen und Gebrechen und davon, was er heute gerne essen würde. Mal ist es zu kalt, dann zu stickig. Und immer wieder muss die Frau kommen und ihm alles richten wie er es haben will, wobei er sich häufig widerspricht, herrisch wird, dann seinen harschen Worte wieder zurücknimmt.

In der 5. Szene schließlich treten der Rektor, der Dekan, der Professor und der Bürgermeister auf. Er erhält sein Diplom, monologisiert ungerührt weiter. Die Gäste gehen. Es gibt ein Nachspiel. Der Weltverbesserer schließt mit den Worten: "Meine Nudeln/ gelangweilt/ Jetzt will ich die Nudeln essen."

Zitate:

"Weltverbesserer: Zeig die Karte/ Die Frau gibt ihm die Karte/ Weltverbesserer liest die Karte und gibt sie ihr wieder zurück/ Ich hasse Blumen/ auch Kanzlerblumen/ Die Frau wässert die Rosen ein/ Ich werde zu den Herren sagen/ sehen Sie hier meine Herren diese Rosen/ vom Kanzler/ Was sagst du dazu/ Wir dürfen nicht vergessen/ diese Leute halten sich nur die kürzeste Zeit/ Wenn sie sich festgesetzt haben/ und wenn sie sich am sichersten fühlen/ sind sie auch schon/ unter den Tisch gefallen/ Ein Kanzler hat noch kein Wahres Wort gesagt/ Die Geschichte verdaut alle diese Leute/ Die größten Ungeheuer/ die größten Scheußlichkeiten/ hat die Geschichte schon verdaut/ Die Geschichte hat einen guten Magen/ flüstert/ Vielleicht doch Nudeln/ Mit ein klein wenig Schinken/ zerschnetzelt" (Stücke 3 2006 S.153) (Unterstreichungen von mir. - Obwohl syntaktisch das "sich halten auf die Kanzler bezogen ist, drängt sich der Gedanke auf, dass eingewässerte Rosen "sich nur die kürzeste Zeit [halten]" ein semantisches Spiel?)

"Zwanzig Jahre/ spielen wir dieses Spiel/ es ekelt mich davor/ aber ich will es spielen/ Mit dir/ weil es mich mit niemandem/ so sehr ekelt" (Stücke 3 2006 S.157)

"Die Welt ist eine Kloake/ aus welcher es einem entgegenstinkt/ Diese Kloake gehört ausgeräumt/ Das ist ja auch der Inhalt meines Traktats/ Aber wenn wir die Kloake vollkommen ausräumen/ ist sie leer" (Stücke 3 1988 S.166) (Unterstreichungen von mir. - hier wieder das Spiel mit der Semantik von "Inhalt" bezieht sich zwar auf syntatkischer Ebene auf das Traktat -> lässt aber auch an den Inhalt der Kloake denken, die "ausgeräumt" werden soll.)

"Diese Geschmacksungeschicklichkeit" (Stücke 3 2006 S.172)
 

Es ist anzunehmen, dass der Name "der Weltverbesserer" und auch dessen Charakter als Anspielungen auf den Hauptcharakter aus Raimunds "Alpenkönig und Menschenfeind" gedeutet werden können. Wie das bei der Deutung des Stücks weiterhilft, ist mir noch unklar. Es stellt Bernhards Stück auf jeden Fall in eine Tradition und zwar in die der Wiener Komödie. Ein Parallele die sich hier aufdrängt und vielleicht doch auch hermeneutisch weiterführend sein könnte, ist die dass sowohl in der Wiener Komödie als auch bei Bernhards Stücken wir es nur selten mit Charakteren zu tun haben, die psychologisch motiviert handeln. Vielmehr sind es bei beiden theatralischen Ausprägungen Typen, Figuren eben, denen kein lebendiges, natürliches Innenleben nachgesagt werden kann. Eine Künstlichkeit zeichnet die Figuren aus, sowohl in ihren Handlungen - die oft automatisiert und mechanisch wirken - als auch in ihrem Sprechen und Reagieren oder vielmehr NICHT-reagieren auf die sie umgebenden Figuren, mit denen sie zwar immer wieder in Interaktion treten, dennoch bei all der großen monologischen Fülle an Sprache oder vielmehr Sprachabfall - sich einander nichts zu sagen haben. Bei Bernhard läuft diese Unfähigkeit oder auch dieses nichtwollen oder auch die Unmöglichkeit oder vielmehr der nie unternommene Versuch verstanden zu werden oder verstehen zu wollen/können/sollen immer auf ein absolutes nicht selten im Tod (Mord oder Selbstmord) endendes unfruchtbares Modell hinaus. Bei der Wiener Komödie kommt es zum ebenso unmotivierten klassischen Komödien-Schluss. Alle versöhnen sich - mehr oder minder zufällig, weil es die Komödie so will - und es wird geheiratet.

des weiteren gibt es einen Band von Herman Hesse der den Titel "Der Weltverbesserer" trägt. Kenne den Text leider nicht.

aufgefallen: das Hörrohr, die Mäuse/Ratten, die Mausfalle; die Schweiz - Ort der Demütigung, Weltverbesserer hasst die Schweiz